Engagierte Insulaner geben Flüchtlingen Unterricht

Artikel aus dem Burkana Magazin No.47 Juli 2016

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Text & Photos: Burkana Verlag Borkum

Konzentriert sitzen die Schüler an ihren Arbeitsblättern, während die Lehrerin durch die Reihen schreitet, ihnen über die Schultern schaut und bei Bedarf immer mal wieder hilfreiche Hinweise gibt. Auf den Tischen türmen sich neben bunten Federmäppchen zahlreiche Stifte, Übungshefte sowie Notizblöcke – und fast alles hat den Anschein, als ob hier gerade eine ganz normale Klasse unterrichtet wird.
Jedoch befinden wir uns hier nicht etwa in der Borkumer Inselschule, sondern im Gemeinderaum der katholischen Kirche „Maria Meeresstern“. Und: Auch die Schüler sind keine herkömmlichen Bankdrücker, sondern 21 syrische Flüchtlinge im Alter zwischen 17 und 53 Jahren, die hier den Umgang mit der deutschen Sprache lernen.

Erstaunlich und löblich

Bedenkt man die anfängliche Skepsis, ist dieser Unterricht erstaunlich und löblich zugleich! Denn vergangenes Jahr sah alles noch ein wenig anders aus: Aufgrund des stark zunehmenden Flüchtlingsstroms aus Ländern wie Syrien, Irak oder Afghanistan wurden auch den anfangs davon ausgenommenen ostfriesischen Inseln Flüchtlinge zugewiesen.
Viele Insulaner wussten damals nicht, was auf sie zukommt – und waren darüber hinaus durch die Aussage eines Kreispolitikers aus Leer verunsichert, der das Ende für die Urlaubsinsel prophezeite, sollten Flüchtlinge tatsächlich nach Borkum kommen.

Bemerkenswertes Engagement

Glücklicherweise wurde diese populistische Meinungsmache durch das Engagement der Borkumer schnell zunichte gemacht, die mal wieder unter Beweis gestellt haben, wie gastfreundlich sie sind. Obwohl viel mehr Flüchtlinge kamen als an fänglich erwartet, hat man es hier nämlich perfekt gemeistert, die Hilfesuchenden mit offenen Armen zu empfangen. So war die Hilfsbereitschaft der Insulaner von Anfang an riesig. Mit dem Forum für Flüchtlinge und der Borkumer Flüchtlingshilfe gründeten sich bereits vorab zwei Initiativen, deren Mitglieder seitdem unermüdlich die Ärmel hochkrempeln, Kleidung und Spielsachen sammeln und versuchen, den ankommenden Flüchtlingen so viele Sorgen wie möglich zu nehmen. Auch die große und unkomplizierte Spendenbereitschaft für die Asylsuchenden ist mehr als bemerkenswert. Wird z.B. kurzfristig ein Kinderwagen oder ein -fahrrad benötigt und ein entsprechen der Aufruf über die Sozialen Medien gestartet, dauert es in der Regel nicht lange und das eben noch in einem Keller oder einer Garage verstaubende Gefährt sorgt für strahlende Kinderaugen und dankbare Eltern.

Unterbringung hevorragend gemanagt

Ein großer Vorteil war für viele Flüchtlinge auch die Unterbringung. Wurden sie andernorts oftmals in enge und stickige Turnhallen „gepfercht“, konnten sie auf Borkum vorübergehend in die – außerhalb der Saison ansonsten leerstehende – Jugendherberge ziehen. Besonders für Familien mit kleinen Kindern bedeutete dies eine große Hilfe, da sie hier nach oft monatelanger dramatischer und kräftezehrender Flucht endlich wieder vier sichere Wände für sich hatten. Die im Laufe der Zeit fast 1.500 in der Jugendherberge untergebrachten Flüchtlinge (zu Spitzenzeiten waren bis zu 330 Flüchtlinge gleichzeitig untergebracht) wurden in den letzten Wochen auf andere Kommunen verteilt und haben die Insel – oft schweren Herzens – wieder verlassen müssen. Die meisten von ihnen erinnern sich gerne an die Zeit auf Borkum und die hilfsbereiten Menschen hier zurück, mit denen sie nicht selten Freundschaft geschlossen haben und noch heute in regem Kontakt stehen. Insgesamt 76 Flüchtlinge dürfen vorerst auf Borkum leben – und werden derzeit nach und nach in durch die Stadt angemietete Wohnungen untergebracht. Um diesen „Borkumer Neubürgern“ die Hand zu reichen und sie dabei zu unterstützen, sich in Gesellschaft und Arbeitsmarkt zu integrieren, hat sich eine kleine Gruppe engagierter Insulaner zusammengeschlossen, die ganz Großes leistet.

Unterricht für Neu-Borkumer

„Als Reaktion auf die Warnung eines rechtslastigen ostfriesischen Politikers – der behauptete, Flüchtlinge bedeuteten den Untergang Borkums als Touristeninsel – gründeten die drei hiesigen Kirchen sowie etliche empörte Borkumer Anfang letzten Jahres das ‚Forum für Flüchtlinge’, um die Ankunft der Flüchtlinge vorzubereiten“, erklärt die ehemalige Deutsch- und Englischlehrerin Barbara Fremdling. Auch für sie stand ohne zu zögern fest, dass sie helfen möchte – und bot sich gemeinsam mit der ehemaligen Verwaltungsangestellten Heide-Marie Eden, der früheren Berufsschullehrerin Heidi Ludewig sowie dem emeritierten Professor Dr. Ulrich Langkamp sogleich als mögliche Lehrkraft an. Seit Mitte April organisieren die vier – mit tatkräftiger Unterstützung durch den Bildungsreferenten der katholischen Kirche, Andreas Langkau, die Borkumer Integrationsbeauftragte Iwona Brall sowie Daniela Beckmann von der Borkumer Außenstelle der Volkshochschule Leer – einen nahezu einmaligen Unterricht, in dem Flüchtlinge der Umgang mit der deutschen Sprache beigebracht wird.
Die 21 Kursteilnehmer – überwiegend syrische Kurden aus Aleppo – kommen so seit Mitte April in den von der katholischen Kirche zur Verfügung gestellten Unterrichtsräumen zusammen und sind sichtlich froh über die Möglichkeit, die ihnen hier geboten wird. Von Montag bis Donnerstag sitzen die Neu-Borkumer jeweils fünf Unterrichtsstunden in ihrem „Klassenzimmer“ im Gemeinderaum der katholischen Kirche „Maria Meeresstern“ und lernen hier vor allem Hör-Verstehen und Sprechen. Oberstes Ziel dabei ist es, den Flüchtlingen die sprachliche Bewältigung von Alltagssituationen zu vermitteln, damit diese z.B. verinnerlichen, wie man sich vorstellt oder sich beim Einkaufen, Essen, Wohnen und bei der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln zurechtfindet.

Verschiedene Voraussetzungen

In dem 200 Stunden umfassenden Kurs arbeiten Lehrer und Flüchtlinge mit aus Landesmitteln finanzierten ausgesuchten Lehrmaterialien für Flüchtlinge und Asylsuchende sowie Bildwörterbüchern und Deutsch-Arabischen-Wörterlisten. Jedoch gestaltet sich der Unterricht bei Weitem nicht so einfach, da die Teilnehmenden sehr unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen mit sich bringen. So reichen diese von gerade mal zwei Schuljahren in Syrien über Menschen, die ausschließlich arabische und keine lateinischen Schriftzeichen kennen bis hin zu Flüchtlingen mit Englischkenntnissen und Studienabschluss.
„Ich habe die Schüler daher mehr oder weniger an bestimmte Plätze ‚geschubst’, denn ich halte einen stark differenzierten Unterricht für nötig“, erklärt Fremdling ihre diesbezügliche Taktik. „Etwa die Hälfte bekommt so mehr und weitaus schwierigeres Lernmaterial, das Schrift voraussetzt – wie z.B. Wortkärtchen, Personalpronomen-Würfel, Wortschatz und Grammatikspiele. Nachdem ich der Fortgeschrittenen-Gruppe ihre Aufgaben erklärt habe, bearbeiten sie diese alleine, mit einem Partner, in Gruppen oder Rollenspielen. Während die Fortgeschrittenen so größtenteils selbstständig lernen, kann ich mich in der Zeit ausgiebig der Gruppe der Lernungeübten zuwenden, in der sich zahlreiche Analphabeten befinden, die mehr Erklärung benötigen.“ Um diese Taktik weiter zu verfolgen, plant Fremdling, die schnell und langsamer Lernenden während ihres Unterrichts künftig für eine kurze Zeit zu trennen. „Sobald unser Einführungsbüchlein durch ist, möchte ich die Gruppe für ein bis zwei Stunden räumlich trennen“, erläutert die frühere Lehrerin, der man anmerkt, dass sie sich viele Gedanken über eine effektive Unterrichtsgestaltung für ihre Schützlinge macht. „Die schnellen Lerner gingen dann mit Selbstlernbüchern und CDs – die auf Arabisch Anweisungen geben und die deutschen Texte sauber vorsprechen – in einen Nebenraum, während ich mich intensiv mit der Gruppe der Hilfsbedürftigeren beschäftigen könnte.“

Wie geht es weiter?

Nach Abschluss des Kurses werden die jüngeren Teilnehmer ab August die Berufsschule besuchen, wo sie täglich Deutschunterricht erhalten. Die übrigen älteren werden hingegen zu einem umfangreichen Integrationskurs von rund 900 Unterrichtsstunden verpflichtet, sobald ihr Asylantrag positiv beschieden wurde. Da sich dies meist länger hinziehen kann, hat Barbara Fremdling angeboten, den laufenden Kurs nach dem offiziellen Abschluss weiterzuführen und die älteren Teilnehmer sowie neu hinzukommende Flüchtlinge an zwei Vormittagen weiter zu unterrichten. „Vieles ist derzeit ungewiss – gewiss ist aber, dass alle Kursteilnehmer, die wir bisher betreut haben, unbedingt weitere Deutschstunden brauchen – und auch alle wollen“, betont sie und unterstreicht nochmals ihren Eindruck, dass sich die Teilnehmenden auf den Unterricht freuen und sehr lernwillig sind. „Viele wirken sehr munter und fröhlich“, beschreibt die in ihrer aktiven Zeit u.a. im Berliner Brennpunkt Neukölln tätige Lehrerin. Dennoch sei ihren Schülern auch mal anzumerken, was sie hinter sich haben. „Eine junge Frau kam in der Pause zu mir und wollte offenbar erzählen. Sie griff nach einem Pappteller, auf den ich das Smiley mit herunterhängenden Mundwinkeln gemalt hatte, das wir soeben in einem Rollen spiel für die Aussage „nicht gut“ verwendet hatten – und sag te traurig ‚Aleppo’. Die junge Frau aus dem zu der Zeit schwer umkämpften Aleppo in Syrien hat sicherlich viele schlimme Dinge erlebt, die sie ein Leben lang beschäftigen werden. Bleibt zu hoffen, dass sie auf Borkum ein neues friedliches Zuhause findet – und sich mit Hilfe von Barbara Fremdling und ihren Kollegen bald in ihrer neuen Welt zurechtfindet.

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Burkana Magazin Borkum Ausgabe 47 Juli 2017
Burkana Magazin Borkum
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